Sonntag, 10. Mai 2015

Okay! Ich warte, dann gibt's gleich mehr!

Selbststeuerung bei Kindern.
Ein Thema wird immer populärer in neurowissenschaftlichen Kreisen:
Die Selbststeuerung oder auch Selbstregulation oder wie früher Selbstbeherrschung.

Der Freiburger Neurobiologe Joachim Bauer veröffentlichte aktuell sein Buch mit dem Titel "Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens". Das Buch ist eine Ode daran, Anstrengungen auf sich zu nehmen für längerfristigen persönlichen Erfolg und erfüllende soziale Beziehungen. Die Mai-Ausgabe der Zeitschrift Eltern widmet eine ganze Seite dem Interview mit ihm. Verena Carl entlockt Joachim Bauer einige Einblicke in sein neues Werk (2).

Selbststeuerung passiert im Frontalhirn

Auch andere Neurowissenschaftler widmeten der Selbststeuerung in der Vergangenheit immer mehr Aufmerksamkeit. Dabei wird Selbststeuerung als Funktion unseres Stirnhirns (auch Frontalhirn oder präfrontaler Cortex genannt) verortet. Im Frontalhirn laufen komplexe Sinneseindrücke und Impulse aus früher ausgereiften Hirnregionen zu einem Gesamtbild zusammen. Daraus entwickeln wir teils komplexe Handlungsabläufe. Der bekannte Neurowissenschaftler Gerald Hüther schreibt hierzu:
"Unser Frontalhirn ist die Hirnregion, in der wir uns am deutlichsten von Tieren unterscheiden. Und es ist die Region, die in besonderer Weise durch den Prozess strukturiert wird, den wir Erziehung und Sozialisation nennen." (3)

Das Frontalhirn ist bei Kindern noch nicht so stark ausgereift

Bei Kindern ist das Frontalhirn im Vergleich zu anderen Regionen noch nicht so gut ausgereift. Erst mit 18-24 Monaten ist der Bereich "betriebsbereit". (2)  Zudem ist das Frontalhirn besonders anfällig bei Ermüdung und bei Abfall des Blutzuckerspiegels. Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer verweist in seinem Buch "Digitale Demenz" auf eine Studie, die den Zusammenhang zwischen urteilsfähigkeit und Blutzuckerspiegel bei Richtern nachwies und argumentierte, dass dieser Einfluss auf die Frontalhirnaktivität bei Kindern noch stärker zu vermuten sei, da deren Frontalhirne noch weniger ausgebildet sein.

Fehlende Selbstkontrolle löst Stress aus und steht Schulerfolg im Weg...

Doch wozu benötigen wir Selbststeuerung als Verhalten? Fehlende Selbststeuerung führt zwangsläufig zu Stress: Informationen treffen uns ungefiltert, unsere Aufmerksamkeit wandert von einem zum nächsten Thema genauso wie unsere Wünsche. Zudem ist es ohne Selbststeuerung kaum möglich, mittel- oder langfristige Ziele zu erreichen bzw. Freundschaften zu halten. Joachim Bauer zitiert zudem im Eltern-Interview die berühmte Studie zum späteren Schulerfolg derjenigen Vierjährigen, die bereit waren, auf eine sofortige Süßigkeit zu verzichten, um später zwei Portionen zu erhalten.

Kann Selbststeuerung überhaupt erlernt werden? 

Es stellt sich die Frage, ob Selbststeuerung erlernt werden kann oder ob dieser wenig greifbare "Lernbereich" nur nebenbei "abfällt". In den folgenden acht Punkten habe ich einige aktuell empfohlenen und größtenteils nachgewiesenen Strategien der renommierten Neurowissenschaftler zusammengefasst:

1) Die Fähigkeit vorleben! Dort, wo es nicht gelingt, darf man aber ehrlich sein und Fehler zugeben. Also bspw. die eingehende SMS erst nach dem gemeinsamen Buch mit dem Kind lesen, sofern keine dringenden Informationen erwartet werden. (u.a. Joachim Bauer, Gerald Hüther)

2) Gut und gesund frühstücken, um den morgentlichen Blutzuckerabfall zu verhindern. (Manfred Spitzer)

3) Fernsehen, vor allem mit schnell wechselnden Szenen und Computerspiele lösen nachweislich Aufmerksamkeitsstörungen aus. Selbssteuerung ist das Gegenteil von Aufmerksamkeitsstörungen. (Manfred Spitzer)

4) Kinderwünsche ernst nehmen! Gibt es Gründe, dass ein Wunsch nicht oder später erfüllt werden kann, dann ist eine kurze und klare Begründung angesagt. Das Kind lernt bestenfalls, dass sich Warten lohnt.

5) Aussprüche wie "Konzentrier Dich!" "Sei vernünftig!", "Reiß Dich zusammen!" bringen nichts. Da schalten die Kinder ab. Sie fühlen sich unter Druck gesetzt und können u.U. mit den Begriffen nichts anfangen (Gerald Hüther).

6) Übermäßiges (materielles) Loben vermeiden. Das Kind lernt sonst nicht aus eigenem Willen sich zu regulieren. (Gerald Hüther)

7) Übertriebene Ansprüche an das Kind führen u.U. zu Angst und Misserfolg.

8) Spielräume schaffen, um Selbststeuerung zu lernen. Entscheidungsspielräume zu Freizeitaktivitäten oder Süßigkeitenkonsum können "Aha-Effekte" bewirken. Frustrationen können ausgehalten werden, um spätere Erfolge besonders wertzuschätzen.

Quellen: 
1 Joachim Bauer: Selbststeuerung - Die Wiederentdeckung des freien Willens.
2 Zeitschrift Eltern. Ausgabe Mai 2015. S.32. Interview Verena Carl mit Joachim Bauer.
3 Gerald Hüther, Cornelia Nitsch: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden.
4 Manfred Spitzer: Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.

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