Freitag, 20. Februar 2015

Babyschlaf und Gedächtnis: Dr. Sabine Seehagen im Gespräch!

Dr. Sabine Seehagen

Dr. Sabine Seehagen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. Mit ihrer aktuellen Studie zur Gedächtnisbildung bei Säuglingen sorgte sie gemeinsam mit ihrem Team für internationales Aufsehen.



NeurofuerEltern:
Für uns Eltern ist Schlaf vor allem bei Babies und Kleinkindern ein ganz großes Thema.
Was passiert denn, wenn Babies schlafen?


Seehagen: Der Schlaf besteht bei Kindern und Erwachsenen aus verschiedenen Phasen. Man
unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen R.E.M. und nicht-R.E.M.-Schlaf. Im R.E.M. Schlaf haben die Kinder zum Beispiel mehr Muskelspannung und da wird auch geträumt. Im nicht R.E.M. Schlaf ist das Kind still und die Augen bewegen sich nicht. Hier werden dann vier Stadien unterschieden: Bei Stadium drei und vier spricht man von Tiefschlaf. Im Tiefschlaf sieht man ganz ruhige Wellen(slow-waves) im EEG. Man geht davon aus, dass in den unterschiedlichen Stadien unterschiedliche Gedächtnisprozesse aktiv sind.

NeurofuerEltern: In dieser Tiefschlafphase passiert bei Säuglingen dann etwas ganz Spannendes?

Seehagen: Aus der Erwachsenenforschung weiß man, dass unterschiedliche Gedächtnisformen, z.B. Ereignisse und Fakten (sogenanntes deklaratives Wissen) oder bestimmte Fähigkeiten, motorische Routinen (nicht deklaratives Wissen) auf verschiedene Weisen abgespeichert werden. Das deklarative Wissen, das wir in der aktuellen Studie erfasst haben, wird vor allem in der Tiefschlafphase verarbeitet.

„Nur Kinder die mindestens eine halbe Stunde im Zeitfenster von vier Stunden nach Gelerntem schliefen, erinnerten sich an die Handlungen.“


NeurofuerEltern: Erzählen Sie uns von Ihren Ergebnissen…

Seehagen: Wir waren inspiriert von der Forschung, die seit Jahrzehnten bei Erwachsenen stattfindet, bei der festgestellt wurde, dass wenn man etwas lernt und dann darüber schläft, sich an mehr erinnert als ohne anschließenden Schlaf. So etwas Ähnliches haben wir versucht, mit kleinen Kindern umzusetzen. Wir haben die sechs und 12 Monate alten Kinder Etwas kindgerecht lernen lassen, indem wir ihnen Handlungen mit Handpuppen gezeigt haben. Ein Teil der Kinder hat in den folgenden vier Stunden mindestens eine halbe Stunde geschlafen und die andere Hälfte nicht, bzw. weniger als eine halbe Stunde. Dann haben wir geschaut, was machen sie von den Handlungen nach, die wir gezeigt haben. Wir haben herausgefunden, dass nur die Kinder, die mindestens eine halbe Stunde geschlafen haben, sich dann auch im Vergleich zur Kontrollgruppe mehr an die Handlungen erinnert haben. Das war sogar auch zu einem späteren Zeitpunkt der Fall. An dem darauf folgenden Tag, an dem dann alle Kinder geschlafen hatten, konnten weiterhin nur die Kinder sich erinnern, die unmittelbar innerhalb von vier Stunden nach dem Gelernten geschlafen hatten. Das deutet darauf hin, dass der Schlaf direkt nach dem Lernen sehr wichtig ist.

NeurofuerEltern: Ist das nur bei Babies so oder auch bei älteren Kindern und Erwachsenen?

Seehagen: Es gibt auch Hinweise darauf, dass der anschließende Schlaf nach Gelerntem für Erwachsene gut ist. Man weiß aber noch nicht so viel über die Zeitfenster. Es gibt auch Studien mit Kindergartenkindern, in denen gezeigt werden konnte, dass ein Nickerchen nach dem Lernen gut ist. Man geht davon aus, dass die Erinnerungen im Schlaf von einem temporären in einen Langzeitspeicher übertragen werden. Die Autoren gehen davon aus, dass der temporäre Speicher bei Kindern noch nicht so groß sei, so dass Kinder häufiger schlafen müssen. Das macht natürlich Sinn, da vor allem Säuglinge sehr häufig und viel im Tagesverlauf schlafen. Es ist aber nicht so klar, wie lange wir warten können, bis wir schlafen, um uns zu erinnern. Erwachsene haben sicher ein größeres Zeitfenster. Wir erinnern uns auch an Dinge, die wir morgens gelernt haben am Folgetag.

NeurofuerEltern: Welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Ergebnissen für Kinder, die teilweise ja auch schon vor dem ersten Lebensjahr in öffentlichen Einrichtungen betreut werden, aber auch für Kinder im häuslichen Umfeld?

Seehagen: Das ist schon sehr spekulativ direkte Schlussfolgerungen zu ziehen. Zunächst haben wir den Befund, dass Schlaf der Erinnerung hilft. Jedes Baby hat ja auch unterschiedliche Bedürfnisse. Manche schlafen von Anfang an sehr wenig, manche ganz häufig. Man kann als Eltern da gar nicht besonders lenken. Das wollen wir auch nicht vermitteln. Aber was wir (sehr spekulativ) gedacht haben, ist, dass man gegebenenfalls davon absehen könnte einen zu sehr geregelten Tagesablauf zu haben und vorauszusehen wann das Baby schläft. Vielleicht sollte man dann gegebenenfalls auch mal ein Auge zudrücken und den geregelten Tagesablauf, wenn beispielsweise viel los war, sein lassen. Vielleicht braucht das Gedächtnis jetzt erst einmal eine Pause und muss verarbeiten bevor es weiter gehen kann. An Tagen, an denen nicht so viel los war, könnten eventuell die Kinder länger wach bleiben. Den Tagesablauf mit seinen Schlafphasen immer gleich zu halten, könnte aus der Gedächtnisperspektive schwierig zu vertreten sein.

„Den Tagesablauf mit seinen Schlafphasen immer gleich zu halten, könnte aus der Gedächtnisperspektive schwierig zu halten sein.“



NeurofuerEltern: Also wäre es sinnvoll, flexiblere Schlafenszeiten auch in Betreuungseinrichtungen zu erlauben?

Seehagen: Ja genau. Das war eine Idee die man verfolgen könnte in zukünftigen Studien. Das direkte Ableiten aus der vorliegenden Studie allein wäre schwierig.
Das andere, was wir uns überlegt haben, ist folgendes: Wenn Kinder gerade geschlafen haben, denken Eltern schnell, dass sie jetzt ausgeschlafen und aufnahmebereit für bestimmte Dinge sind. Aber es wäre nicht verkehrt auch das Ende der Wachphase, wenn Eltern denken, „Jetzt ist es allmählich Zeit schlafen zu gehen“, zu nutzen, denn die Zeit bleibt ganz gut hängen! Aktivitäten wie Bücher lesen könnte man sehr gut abends machen. Das wäre nicht so anstrengend aber eventuell eingängig. Zur Sprachverarbeitung gibt es bei 9 bis 16 Monate alten Kindern eine aktuelle Studie von Manuela Friedrich und ihren Kollegen, die auch die Relevanz des Schlafen nach dem Gelernten belegt.


NeurofuerEltern: Wäre es somit sinnvoll, motorische Dinge eher mit einem ausgeschlafenen Kind durchzuführen und die „intellektuelleren“ Tätigkeiten kurz vor dem Schlafen?

Seehagen: Ja. Das ist eine ganz spannende Frage! Motorische Routinen, die ja nicht deklaratives Wissen darstellen, müssen ja auch im Gedächtnis gespeichert werden. Aber dazu gibt es bei Säuglingen und Kleinkindern noch überhaupt keine Forschung! Die Frage ist auch hier, ob der Schlaf dann schnell kommen muss oder später. Das wird noch spannend sein, das herauszufinden.

„Dazu gibt es bei Säuglingen und Kleinkindern noch gar keine Forschung! Da sind aber einige Arbeitsgruppen dran.“


NeurofuerEltern: Die Frage wäre, ob alles (Motorisches und Sprachfähigkeiten etc.) dann gleichzeitig oder nacheinander zu bestimmten Zeiten im Wachfenster gelernt werden müssen…

Seehagen: Es könnte auch sein, dass das nicht-deklarative Gedächtnis ein größeres Zeitfenster erlaubt. Meines Wissens ist das ein ganz neues Gebiet, weil es nicht so leicht ist, geeignete Aufgaben mit den Kindern durchzuführen. Da sind aber einige Forschungsgruppen dran. Da wird es sicher interessante Ergebnisse in den nächsten Jahren geben. Im Januar ist bspw. erst eine Studie zu Sprachwissen und Gedächtnisbildung erschienen.

NeurofuerEltern: Warum haben Sie die Versuche mit den Babies im häuslichen Umfeld durchgeführt? Das ist ja schon ein besonderer Versuchsaufbau, der nicht so häufig vorkommt? Was war das Spannende dabei?


„Ich bin seit fast 10 Jahren in der Babyforschung und finde es faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Babies sind.“


Seehagen: Wir haben gedacht, dass Hausbesuche sich am besten in den Tagesablauf einbetten. Da wir die Babies zweimal sehen, ist das ja auch ein größerer Aufwand für die Eltern. Zudem schlafen Babies im Auto sehr gerne ein… . Ich bin jetzt seit fast 10 Jahren in der Babyforschung dabei und finde es faszinierend, zu sehen wie unterschiedlich die Babies von klein auf sind. Das hat nichts mit „normal“ oder „unnormal“ zu tun, sondern ist einfach eine Wahrnehmung: Die Spannbreite ist riesig. Die einen können schon ganz früh krabbeln, die andern plappern ganz früh, manche sind ganz schüchtern, manche ganz lebhaft und wenn man sie dann ein paar Monate später sieht, denkt man „da hat sich so viel getan“. Das hat zwar nichts mit der Studie zu tun, aber meine Erfahrung bei der Beobachtung ist, dass sich ganz viele Dinge, die die Eltern sorgen, ganz von allein mit der Zeit ergeben.


Quellen:
S. Seehagen, C. Konrad, J. S. Herbert, S. Schneider (2014): Timely sleep facilitates declarative memory consolidation in infants, PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1414000112

Friedrich, M., Wilhelm, I., Born, J., Friederici, A. D. „Generalization of word meanings during infant sleep“. Nature Communications doi:10.1038/ncomms7004
http://www.nature.com/ncomms/2015/150129/ncomms7004/full/ncomms7004.html

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