Samstag, 13. Dezember 2014

Krabbelst Du noch oder läufst Du schon?


Laufen und Sprechen sind die beiden Fähigkeiten, die Eltern gebannt erwarten. Für Kinder bedeuten sie große Fortschritte in Richtung Selbständigkeit. Doch was haben beide Fähigkeiten miteinander zu tun? Wie beeinflussen sie sich? In welcher Reihenfolge passiert was? Klar ist, sobald die Kinder laufen, verändert sich massiv ihr Blickfeld und damit ihre Wahnehmung. Das bestätigte auch eine Arbeitsgruppe um Kari S. Kretch von der New York University. Sie beschäftigten sich mit dem Blickfeld krabbelnder und laufender Kinder. Dazu untersuchten sie 13 Monate alte Kinder, die einen "Eye-Tracker" trugen. Das ist eine Kamera, die die Blickrichtung der Kinder misst und am Kopf befestigt wird. Weitere Kinder trugen einen Bewegungsdetektor am Kopf, der die Bewegungsrichtung des Kopfes misst. Wie zu erwarten, schauten krabbelnde Kinder mehr in Richtung Fußboden und weniger in Richtung Wände. Laufende Kinder konnten ihren Bezugspersonen direkt geradeaus ins Gesicht schauen. Krabbelnde Kinder setzten sich hin, um den Blickkontakt vergleichbar aufzunehmen.


Perfektes Zeitfenster zum Sprechenlernen: Zwei Wochen nach dem Laufen lernen.


Eric Walle und Joseph Campos von der  University of California untersuchten die sprachliche Entwicklung von Kindern im Zeitfenster des Laufenlernens.  Sie untersuchten eine Gruppe von Kindern zwischen dem 10. und 13,5. Lebensmonat alle zwei Wochen. Sowohl das Sprechen als auch das Sprachverständnis entwickelte sich im direkten Anschluss an den Erwerb der Fähigkeit des Laufens, signifikant und unabhängig vom genauen Alter der Kinder. In einem Zeitfenster von zwei Wochen im Anschluss an den Zeitpunkt des Laufenlernens zeigten die Kinder einen rasant wachsenden Anstieg an Sprachfähigkeiten sowohl im aktiven Sprechen als auch im Verständnis.

Nach den zwei Wochen nahm dieser Effekt bereits wieder ab. Das bedeutet, dass mit der Fähigkeit des Laufens eher ein sprachlicher Sprung zu erwarten ist, als mit dem Erreichen eines bestimmten Lebensmonats. Anders ausgedrückt, ein Kind, das soeben Laufen gelernt hat, nimmt mehr Wörter auf als ein Kind, das einen bestimmten Altersmeilenstein erreicht hat, in dem typischerweise Kinder laufen lernen.


Bei laufenden Kindern wird der Einfluss der Eltern auf die Sprachentwicklung größer.


In einer zweiten Studie wurden die Kinder hinsichtlich des motorischen Status aufgeteilt. Es gab somit eine  Gruppe mit 24 laufenden und 20 krabbelnden Kindern. Die sprachlichen Fähigkeiten wurden verglichen und mit verschiedenen Faktoren ihres sozialen Umfelds in der beobachteten Eltern-Kind-Interaktion in Zusammenhang gebracht.
Die sprachlichen Fähigkeiten konnten dabei ausschließlich bei laufenden Kindern durch Faktoren des sozialen Umfelds wie dem beobachteten Sprachinput und den beobachteten Bewegungen der Bezugspersonen im Freispiel, vorhergesagt werden. Diejenigen Bezugspersonen, die ihren laufenden Kindern viel sprachlichen Input lieferten und sich im beobachteten Freispiel weniger bewegten, hatten Kinder mit signifikant höherer Sprachkompetenz. Für krabbelnde Kinder konnte dieser Zusammenhang nicht bestätigt werden. Denkbar ist, dass für laufende Kinder durch den intensiveren und leichteren Blickkontakt mit der Bezugsperson und durch das Freiwerden der Hände, die verbale Kommunikation und soziale Interaktion mit der Bezugsperson mehr an Bedeutung gewinnt.


Das Laufen ist eine neue Spielsituation.


Die Autoren Walle und Campos begründen die rasante Sprachentwcklung über die geänderten Bedingungen. Das veränderte Blickfeld, die neuen Möglichgkeiten wie das Freiwerden der Hände ergeben eine Art veränderte Spielsituation, die zahlreiche psychologische Effekte, motorisch, kognitiv, sozial und emotionell zur Folge hat.  Die schnelle Sprachentwicklung ergibt sich damit indirekt aus den Möglichkeiten. Kann das Kind leichter Spielsachen der Bezugsperson geben und die Bezugsperson dabei leichter anschauen, sind neue Kompetenzen wie bspw. soziale Fähigkeiten und damit verbaler Austausch gefragt. Auch vermuten die Autoren ein verändertes Verhalten der Bezugspersonen gegenüber den laufenden Kindern, das auch Einfluss auf die Sprachentwicklung haben könnte.

Walle E. A., Campos J, J. "Infant language development is related to the acquisition of walking." Dev. Psych. Feb 2014, 50(2):336-48. doi: 10.1037/a0033238. Epub 2013 Jun 10. 

Kretch K.S., Franchak J.E., Adolph K.E."Crawling and walking infants see the world differently." Child Dev. Juli-August 2014;85(4):1503-18. doi: 10.1111/cdev.12206. Epub 2013 Dec 16.

Kommentare:

  1. Ach, das ist ja spannend! Mein Sohn hat auch direkt nach dem Laufen mit einem Schlag richtig viel gesprochen. Ich hatte mir das einfach damit erklärt, dass das Hirn nicht beides gleichzeitig bedienen kann und nun Kapazitäten freiwurden. Aber diese Erklärung macht auch Sinn ;-)

    Du hast wirklich einen sehr interessanten Blog!

    LG, Lukaano

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    1. Vielen lieben Dank Lukaano für Deinen Kommentar und das Lob über das ich mich riesig freue! Ich hatte auch zuerst Deine Theorie, aber der Autor der Studie hatte mich dann doch noch im E-Mail-Verkehr zur Studie überzeugen können.

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